Die Migros sucht ihr Heil in der Fusion
Aus elf mach eins: Mit einer Gruppengenossenschaft will die Migros ihre komplizierten Strukturen vereinfachen und wettbewerbsfähiger werden. Die 2,3 Millionen Genossenschafter der Migros entscheiden Mitte 2027 darüber. Nach der Abstimmung tritt Migros-Chef Mario Irminger zurück.
Die zehn Präsidentinnen und Präsidenten der Migros-Genossenschaften traten gemeinsam mit Ursula Nold, Mario Irminger und Peter Diethelm vor die Medien.
Quelle: zVg
Die Migros wagt sich an den grössten Umbau in ihrer über 100-jährigen Geschichte: Die Detailhändlerin will ihre zehn regionalen Genossenschaften und den Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) zu einer einzigen «Gruppengenossenschaft» fusionieren. Dadurch soll die Migros einfacher, stärker und wettbewerbsfähiger werden, sagte MGB-Präsidentin Ursula Nold am Montag an einer Medienkonferenz in Bern.
Die zehn regionalen Migros-Verwaltungen und die MGB-Verwaltung stehen einstimmig hinter der Fusion. Diese Geschlossenheit demonstrierte die Migros an der Medienkonferenz: Erstmals traten alle Genossenschaftspräsidentinnen und -präsidenten gemeinsam vor die Medien. Der Tenor: Um im härter werdenden Wettbewerb zu bestehen, müsse die Migros effizienter werden. «Der Wettbewerb ist hart», sagte etwa der Basler Migros-Präsident Miguel Serrano mit Blick auf den Einkaufstourismus nach Deutschland und Frankreich. Ein schweizweit einheitlich geführtes Supermarktgeschäft mache die Migros zukunftsfähiger.
Wie sieht die neue Migros-Struktur aus? Die neue Gruppengenossenschaft soll die strategische und finanzielle Steuerung der Migros-Gruppe übernehmen. Dazu gehören die sieben Geschäftseinheiten Migros-Supermarkt, Migros-Industrie, Denner, Migrol/Migrolino, Digitec Galaxus, Migros-Bank und Medbase. Diese Einheiten handeln eigenständig. Das Supermarktgeschäft wird künftig schweizweit aus einer Hand durch die Migros Supermarkt AG geführt, sagte Migros-Chef Mario Irminger. Das Supermarktgeschäft soll dazu in fünf Vertriebsregionen eingeteilt werden: Westschweiz, Nordwestschweiz und das Geschäftsgebiet der Migros Aare, Zürich, Ostschweiz sowie Tessin und Luzern.
Trotz einer einzigen Gruppengenossenschaft soll es auch künftig starke regionale Strukturen bei der Migros geben, betonte die Migros-Spitze. Die Regionalgenossenschaften verlieren zwar ihre bisherige Eigenständigkeit. Die Interessen der Regionen sollen künftig sechs Regionalräte vertreten. Je ein Regionalrat vertritt die französischsprachige und die italienischsprachige Schweiz. Die Regionalräte bringen die Anliegen ihrer Regionen ein und wählen die Delegierten der nationalen Delegiertenversammlung. Die Delegiertenversammlung auf nationaler Ebene sorge weiterhin für die demokratische Mitbestimmung, so die Migros.
Auch in den Supermärkten bleibt laut Migros die Regionalität erhalten und spürbar. Die Kundschaft werde weiterhin ihre gewohnten Filialen mit ihrem gewohnten Personal und ihren regionalen Produkten unverändert wiederfinden, sagte Irminger. Auch das Label «Aus der Region. Für die Region» bleibe bestehen. Für die Kundschaft bedeute die neue Struktur «bessere und günstigere Angebote» sowie die schnellere Eröffnung von Filialen, so die Migros. Konkrete Preisvorteile nennt die Migros aber nicht.
In den kommenden Monaten will die Migros ausarbeiten, wie die Gruppengenossenschaft im Detail funktionieren soll. Das letzte Wort haben die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Sie können Mitte 2027 in einer Urabstimmung über die Fusion entscheiden. Für eine Umsetzung braucht es in allen Genossenschaften eine Zweidrittelmehrheit. Zudem müssen sich jeweils mindestens 25 Prozent der Stimmberechtigten beteiligen. Für die Migros-Führung bedeutet das: Sie wird in den nächsten Monaten viel Überzeugungsarbeit in den Genossenschaften leisten müssen. «Wir werden die Genossenschafterinnen und Genossenschafter überzeugen können, dass der Weg der richtige ist», zeigte sich Mario Irminger zuversichtlich.
Scheitert die Fusion in einer Region an der erforderlichen Beteiligung oder Zweidrittelmehrheit, will die Migros die Abstimmung dort innerhalb nützlicher Frist wiederholen. Sollte eine Genossenschaft auch beim zweiten Mal Nein stimmen stimmen, müsse man die Lage neu analysieren, sagte Ursula Nold. Bei einem Ja würde der Aufbau der neuen Gruppengenossenschaft mehrere Jahre dauern,
Mit der geplanten Fusion kommt es auch zu einem Führungswechsel. Migros-Chef Mario Irminger und Peter Diethelm, Chef der Migros Supermarkt AG, wollen ihre Funktionen auf den Zeitpunkt der Urabstimmung Mitte 2027 abgeben. Beide werden dann 62 Jahre alt sein. Den mehrjährigen Aufbau der neuen Organisation könnten Diethelm und er altershalber nicht mehr begleiten, begründete Irminger die Rücktritte. Es brauche neue Köpfe, die den Aufbau der Organisation von Anfang an bis zum Ende führen könnten, sagte Mario Irminger. Die Migros hat die Nachfolgesuche bereits eingeleitet. Man wolle Anfang 2027 die Nachfolgelösungen präsentieren, sagte Ursula Nold. Geprüft würden interne und externe Kandidierende.
Wie viel spart die Migros mit der Fusion? Und wie viele Entlassungen gibt es? Details dazu könne er zur Zeit noch nicht machen, sagte Mario Irminger. Die «Sonntagszeitung» hatte im Vorfeld von 3000 Stellen spekuliert, die wegfallen würden (foodaktuell berichtete). Irminger betonte: «Das Ziel der Gruppengenossenschaft ist nicht, Stellen abzubauen.» Die meisten Mitarbeitenden würden von den Veränderungen im Alltag wenig oder nichts spüren. Supermarkt-Angestellte seien nicht betroffen. Im Gegenteil: «Wir wollen in der Fläche wachsen und neue Filialen eröffnen», sagte Irminger. Man werde im Supermarktgeschäft mehr und nicht weniger Mitarbeitende beschäftigen.
Es gebe aber Doppelspurigkeiten in der Verwaltung und im Management der Regional-Genossenschaften und im MGB, dort werde es einen Stellenabbau geben. Wo es für Mitarbeitende Veränderungen gebe, werde die Migros ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, sagte Irminger. Wenn immer möglich soll es Anschlusslösungen in der Gruppe geben oder der Abbau über natürliche Fluktuationen erfolgen. Die Tochterunternehmen der Migros-Gruppe sind laut Irminger nicht von Veränderungen betroffen.
Die Migros befindet sich seit 2024 in einem tiefgreifenden Umbau. Chef Mario Irminger vollzog den bisher grössten Umbau ihrer Geschichte. Verlustbringende oder nicht mehr zum Kerngeschäft passende Unternehmen wurden abgestossen.
Mit dem Verkauf von Fachmarktketten und anderen Geschäften wie Melectronics, SportX, Micasa, Hotelplan oder Mibelle konzentriert sich die Migros künftig auf die Bereiche Detailhandel, Finanzdienstleistungen und Gesundheit. Mit der Umstrukturierung fielen gegen 1500 der insgesamt rund 100'000 Stellen weg.
Die komplizierte Genossenschaftsstruktur gilt seit Jahrzehnten als Hindernis für schnellere Entscheidungen. Bereits in den 1990er-Jahren scheiterte ein Versuch, die damals zwölf Regionalgenossenschaften auf drei zu reduzieren. Der Konkurrent Coop legte seine Regionalgenossenschaften bereits 2001 zusammen.
Lesen Sie auch das Interview mit Migros-Chef Mario Irminger.